Nachrichten Schacholympiade 2008 - Dresden verabschiedet sich Ein kleiner Rückblick
27.11.2008 - Es waren ein paar Haare in der Suppe und längst nicht alles Gold, was glänzte, doch das Positive überwiegt, wenn man auf die 38. Schacholympiade 2008 in Dresden zurückschaut. Konzentriert man sich auf das rein Sachliche (sprich: Schachliche), dann wurden die Erwartungen mehr als erfüllt. Wir haben hochklassiges Schach auf höchstem Niveau gesehen - auch die, die nicht vor Ort sein konnten. Es gab strahlende Sieger wie auch die erhofften Überraschungen, aber auch die herben Enttäuschungen, die einem Turnier dieser Größenordnung die entsprechende Würze verleihen. Für Sie zieht Hans Dieter Post in der Folge ein Résumé.
Nach starker Eröffnung und der Hand an der Silbermedaille ging den deutschen Spielern bei der
Schacholympiade auf der Zielgeraden die Luft aus. Den deutschen Herren gelang es auch nicht bei der 38.Schacholympiade in Dresden, die seit 1927 schon vier Mal in Deutschland ausgetragen wurde, sich endlich wieder einmal unter die 10 besten Teams zu spielen. Mit Platz 13 wurde in etwa eine Platzierung im normalen Leistungsvermögen erreicht, obwohl die deutsche Aufstellung als eine der stärksten in der 80-jährigen Geschichte dieses Wettbewerbs gehandelt wurde.
Von den 165 Mitgliedsländern des Weltschachbundes FIDE waren in Sachsens Elbflorenz genannter Landeshauptstadt 146 Männer- und 111 Frauen- Teams aus 141 Nationen am Start. Das ist ein absoluter Rekord aller Schach- Olympiaden. Die besten der Frauen, wie zum Beispiel die seit Jahren in der Weltspitze mitspielende Ungarin Judit Polgar, spielen bei den Männern mit. Ohne Nationalstatus, aber ebenfalls mit eigenem Team dabei, sind die Verbände der in Gehör und Sehkraft beeinträchtigten Spieler. Der jüngste Teilnehmer war sieben, der älteste über 80 Jahre alt. Schach ist mehr als alle anderen eine integrative Sportart!
Arkadij Naiditsch 2678, 5.5/10
Igor Khenkin 2647, 4.5/9
Jan Gustafsson 2634, 4.5/8
Daniel Fridman 2630, 7/10
David Baramidze 2557, 5/7
Deutschlands Team 1 begann die 11 Runden furios und belegte nach Siegen über Schottland, Slowenien, Malaysia und Spanien einen geteilten ersten Platz. Mit zwei anschließenden Unentschieden gegen die nominell stärksten Mannschaften im Feld, Russland und die Ukraine, sowie einem weiteren Sieg gegen Rumänien war man auf Tabellenplatz 2 angelangt, eine Medaille war zum Greifen nah. Eine Sensation bahnte sich somit an, aber diesem Druck schienen die ansonsten sehr erfahrenen Spieler doch nicht gewachsen. Die deutsche Großmeisterriege mit Arkadij Naiditsch, Igor Khenkin, Jan Gustafsson, Daniel Fridman und David Baramidze, allesamt seit Jahren erfolgreich in der Schach-Bundesliga aktiv, die wiederum als eine der stärksten der Welt gilt, verlor knapp mit 1,5-2,5 gegen den späteren Gewinner der Silbermedaille, Israel, und fiel auf Rang 6 zurück. Es folgte ein unnötiges Unentschieden gegen die Mannschaft Polens, und der Fall um weitere zwei Tabellenplätze. Die gerade zu Ende des Turniers stark auftrumpfende Mannschaft der USA, in der Endabrechnung verdient Dritter, schlug das deutsche Team überzeugend in der Vorschlussrunde und schickte diese auf Platz 18. Es drohte die schlechteste Platzierung aller vorherigen Olympiaden, was durch den Sieg in der Schlussrunde gegen Litauen aber souverän abgewendet wurde.
Die Spieler um Bundestrainer und Großmeister Uwe Bönsch sowie dem Präsidenten des Deutschen Schachbundes, Professor Robert Klaus Freiherr von Weizsäcker, dem ältesten Sohn des Alt-Bundespräsidenten und selbst Großmeister im Fernschach, gaben sich in der abschließenden Pressekonferenz mit launischen Kommentaren unzufrieden angesichts der von den gesteckten Zielen teils stark abweichenden Ergebnisse.
Deutschlands Frauen, die noch vor Turnierbeginn mit dem Erreichen eines Medaillenplatzes kokettierten, stürzten im End-Klassement auf Platz 21 ab. Zwar verlor man nur gegen die Teams aus Indien und Serbien, doch waren zu viele unentschiedene Wettkämpfe, so gegen die schwächer eingestuften Teams aus Iran, Italien, Estland und Luxemburg, nicht zu vermeiden gewesen. Die Siege gegen Argentinien, El Salvador, Griechenland, Philippinen und Schweden konnten eine der schlechtesten Platzierungen seit 1957, seit es Frauen-Teams bei Schacholympiaden gibt, nicht verhindern.
Die Goldmedaille bei den Frauen ging an die Georgierinnen, Silber an die nur knapp dahinter liegenden Frauen aus der Ukraine. Die Schachköniginnen der USA belegten wie bei den Männern den dritten Platz.
Andere Schachnationen erwischte es aber schlimmer: Russland setzte seine Negativserie der letzen beiden Olympiaden fort und erreichte keine Medaille, weder bei den Männern, noch bei den Frauen. Frankreichs Männer, an Sieben gesetzt, kamen nicht in die Top 20, um nur einige zu nennen.
Sieger bei den Männern wurde Titelverteidiger Armenien, vertreten durch die Großmeister Levon Aronian, Vladimir Akopian, Gabriel Sargissian, Tigran Petrosian und Ersatzmann Artashes Minasian. Außer gegen die Silbermedaillengewinner aus Israel in Runde 9 verlor man keinen einzigen Wettkampf, und da Israel selbst in der Folgerunde noch gegen die Ukraine verlor, war der Weg frei für den erneuten Titelgewinn. Der tragische Tod eines der größten armenischen Talente, Karen Asrian, kurz vor dieser sogenannten Mannschafts-Weltmeisterschaft im Schach, ließ die Mannschaft eher noch weiter zusammenwachsen und trotz gefallener Titelchancen erneut überzeugend auftrumpfen. Der Staatspräsident Armeniens, gleichzeitig auch Präsident des nationalen Schachverbandes, reiste zur Unterstützung seines Teams zur Schlussrunde an und beflügelte seine Sportler bei deren Sieg über die favorisierten Chinesen, die damit selbst alles sicher Geglaubte verspielten.
Armenische Goldjungs
Karen Asrian * 24. April 1980; † 9. Juni 2008
Zahlreiche Amateurturniere im Rahmen der Schacholympiade lockten weitere insgesamt fast 4.000 Spielerinnen und Spieler an die zusätzlichen Spielflächen, wobei die 510 Bretter bei den Profis sämtlich vernetzt waren und in Echtzeit die gerade am Brett ausgeführten Züge direkt ins Internet übertrugen. Eine bisher nie dagewesene Meisterleistung an Übertragungstechnik bei solchen Anlässen. Die Schacholympiade wurde im Verlauf der elf Wettkampftage ab dem 12. November von weit über 10.000 zahlenden Zuschauern besucht, die im direkt an der Elbe gelegenen Neubau des Internationalen Congress Centrum zur Austragung kam. Das ist im Vergleich zu den Besucherzahlen bei Populärsportarten eher gering, aber glaubt man den Dauergästen auf den Schacholympiaden, so war der Ansturm der Zuschauer eher vergleichbar mit der Olympiade in Moskau zu besten Zeiten. Die meisten Zuschauer, laut Internet-Statistik gar viele Millionen pro Tag und zudem aus aller Welt, nahmen die Übertragung der Züge sowie eines eigenen TV-Kanals im Internet in zuvor noch nie erreichter Höhe an.
Trotzdem, bei einer der zahlreichen Pressekonferenzen äußerten sich der für den Sport zuständige Dresdner Bürgermeister Winfried Lehmann und später auch DSB-Präsident von Weizsäcker skeptisch, ob der Verband oder die Stadt Dresden im Besonderen in naher Zukunft wieder eine solche Veranstaltung stemmen wollen. Zu den Wermutstropfen für die Stadt Dresden zählt nämlich, bei aller Euphorie, sicher die Ausfallbürgschaft in Höhe von 4 Millionen Euro, die mit Ende dieser Veranstaltung wohl fällig wird, was auch zahlreiche, allerdings wenig große, dafür viele kleinere Sponsoren nicht verhindern konnten. Auf der Habenseite steht für die ehrgeizigen Stadtväter, das man sich als ein nur positiver Kritik ausgesetzter Gastgeber präsentieren konnte, und die Touristikwirtschaft sich schon jetzt zufrieden zeigt.
Dresdner Allerlei
Die Sieger der Einzelwertung für das beste Brett: Peter Leko 2747 HUN, 7.5/10 / Platz 1 (Mitte) Boris Gelfand 2719 ISR, 7.5/10 / Platz 2 (rechts) Veselin Topalov 2791 BUL, 6.5/8 / Platz 3 (links)
Bronze für Team USA
Hauchdünnes Gold für Georgiens Ladies
Die besten Damen an Brett 1: Maia Chiburdanidze 2489 GEO, 7.5/9 / Platz 1 (Mitte) Yifan Hou 2578 CHN, 7.5/11 / Platz 2 (rechts) Martha Fierro Baquero 2361 ECU, 7.5/8 / Platz 3 (links)
FIDE Präsident Kirsan Ilyumzhinov bei seiner Abschlußrede in Dresden
Chess Tigers on Tour: GM Klaus Bischoff leitete das Public Viewing und der Mainzer Oberbürgermeister und Schirmherr der Chess Classic Mainz Jens Beutel bei seiner Stippvisite
Chessvibes-Video der Pressekonferenz mit dem armenischen Team und Susan Polgar