TopTurniere México-City-WM: Abschluss-Zermonie, Züge-Statistik, Tagespresse in Deutschland Der „freundliche Tiger“ wird Weltmeister - souveräner Anand bleibt bei der Schach-WM ungeschlagen / Revanchematch gegen Kramnik in Deutschland?
30.09.2007 - Die Abschlusszeremonie wurde klassisch mexikansch eingeläutet. Die Mexiko-Stadt Kavallerie mit vier Pferden leitet die "Weltmeisterschaftsgesellschaft" vom Austragungsort Sheraton Convention Center und Spielerhotel Sheraton Centro Histórico über die Prachtstraße ins Palais. Ungefähr eine halbe Stunde dauerte der Fussmarch aller Beteiligten - begleitet mit vier Reitern - durch den historischen Stadtkern von Mexiko-City zum altehrwürdigen Parlamentssaal. Gut 300 geladene Gäste nebst Spielerteams, Pressemeute, den Offiziellen von FIDE und der Mexiko-Organisatoren füllten den historischen Raum. Um 19:00 Uhr wurden Reden geschwungen, bis schließlich der Hauptorganisator und Sponsor, Jorge Saggiante, zur Preisverleihung und Medaillenübergabe einleiten ließ. Boris Gelfand bekam die Medaille in Bronce, Vladimir Kramnik jene in Silber und schließlich Viswanathan Anand die Goldene, plus Siegerkranz und die typische mexikanische Decke als Scherpe umgehängt. Vishy hielt eine bemerkenswerte, gehaltvolle Dankes- und Antrittsrede als der alleinige Weltmeister, ehe dann die Hymnen in der Reihenfolge: Mexiko, Fide und Indien abgespielt wurden. Dabei wurden schon von einigen indischen Landsleuten und Freunden Vishys ein paar Tränchen der Ergriffenheit und der Bedeutung des Moments weggedrückt.
In der Tagespresse in Deutschland wird man Folgendes am Montag lesen können von Hartmut Metz
Der „Tiger von Madras“ hat den sieben Konkurrenten die Krallen gezeigt: Viswanathan Anand gewann souverän die Schach-WM in Mexiko City und ist erstmals alleiniger König auf den 64 Feldern. In der 14. und letzten Runde machte der Inder in nur 37 Minuten den Titel perfekt. Kontrahent Peter Leko (Ungarn) fand kein Mittel gegen die Abtauschtaktik des Weltranglistenersten und akzeptierte Anands Remisangebot nach dem 20. Zug. Damit lag der Spitzenspieler des deutschen Meisters OSC Baden-Baden mit neun Punkten uneinholbar in Front und hatte sich 390.000 der 1,3 Millionen Dollar Preisgeld gesichert.
Titelverteidiger Wladimir Kramnik lief zu spät zu Topform auf. Mit seinem Sieg über den in Berlin lebenden Armenier Lewon Aronjan rückte der entthronte Weltmeister immerhin noch auf Platz zwei vor. Ebenso wie der überraschend starke Israeli Boris Gelfand holte der Russe acht Punkte. Abgeschlagen folgten Leko (7), Peter Swidler (6,5), Alexander Morosewitsch (beide Russland), Aronjan (je 5,5) und der Russe Alexander Grischuk (5).
„Anand hat den Titel verdient“, kommentierte Leko. „Er war der Beste des gesamten Turniers und spielte sehr gut“, assistierte die ehemalige Weltmeisterin Susan Polgar in Mexiko-City und nannte den stets zuvorkommenden Anand „das freundliche Gesicht des Schachs“. Den neuen Champion übermannten die Gefühle nach seinem Erfolg: „Jeder kann sich denken, wie es nun in mir aussieht. Der Sieg hier in Mexiko, vor den schachbegeisterten Fans, ist etwas Besonderes für mich“, erklärte der 37-Jährige, der als einziger im achtköpfigen Feld ungeschlagen blieb. „Ich bin mit meiner Leistung zufrieden und stand nur gegen Grischuk in der vorletzten Runde haarig“, analysierte der Turniersieger seine 14 Partien. Von 2000 bis 2002 war Anand bereits Weltmeister, allerdings „nur“ der des Schach-Weltverbandes FIDE. Kramnik firmierte vor der Titelvereinigung im Vorjahr mit dem Bulgaren Wesselin Topalow als zweiter Weltmeister. Nun steht der „schnelle Brüter aus Indien“, der meist viel weniger Bedenkzeit als seine Gegner benötigt, in allen Sparten an der Spitze: auch in der Weltrangliste und im Schnellschach, das er seit acht Jahren bei der WM in Mainz ununterbrochen dominiert.
Bereits mit sechs Jahren lernte Anand das königliche Spiel von seiner Mutter. Mit 14 wurde er in die Nationalmannschaft des Schach-Mutterlandes berufen und gewann drei Jahre später die Jugend-Weltmeisterschaft. 1995 und 1998 unterlag der Brahmane im WM-Finale den russischen Legenden Garri Kasparow und Anatoli Karpow. 2000 gelang ihm dann wenigstens der Sprung auf den FIDE-Thron.
Unter den Schlachtrufen der mexikanischen Fans, die den bei Madrid und in Bad Soden am Taunus lebenden neuen Weltmeister stundenlang feierten, „freute“ sich Anand schon „auf neue Aufgaben“. Nach nur einer kurzen Pause will er mit dem OSC Baden-Baden den Europapokal erstmals nach Deutschland holen. Fest im Visier hat der Großmeister auch schon das Revanchematch gegen Kramnik, „wenn die FIDE nicht schon wieder das WM-System ändert“. Der millionenschwere Zweikampf soll 2008 in Deutschland stattfinden. Kramniks Manager Carsten Hensel hat dafür bereits Sponsoren an der Hand.
Die Zügezahl-Statistik als Beleg der Kampfeslaune - nur das 13-zügige Schnellremis Grischuk - Kramnik und die 100-zügige Seeschlange Gelfand gegen Leko fallen aus dem Rahmen