Unterhaltung Viswanathan Anand - Ein ganz normaler Typ
31.03.2007 - Es ist einfach, den Schachspieler Viswanathan Anand zu verehren. Er ist mehrfacher Weltmeister, gewann viermal den Schachoscar, wurde mit höchsten indischen und internationalen Ehrungen bedacht und wird nun in Kürze endlich auch die Nr. 1 der Weltrangliste sein. Wer möchte da nicht vor Ehrfurcht in die Knie gehen? Doch wussten Sie auch, dass sich Viswanathan Anand beispielsweise sehr für die Astronomie interessiert, ein Elite-Student war, nicht kochen kann und sich selbst für einen ganz normalen Typen hält, der herausgefunden hat, dass er eben eine besondere Begabung für Schach hat? In einer kleinen Hommage möchten wir Ihnen den Menschen, Großmeister und Weltmeister Viswanathan Anand etwas genauer vorstellen.
Viswanathan "Vishy" Anand * 11.
Dezember 1969 in Madras - Auf dem Foto ist er 8 Jahre alt
Als Vishy Anand mit dem Schachspielen
begann, wurde das Spiel mit indischen Wurzeln nur in kleinen Klubs und
sowjetischen Kulturzentren gespielt. Anand erinnert sich, dass ihn seine
Schwester mal in so einen Klub in Chennai (früher Madras) mitnahm. In
diesem Klub entwickelte er seine schnellen Reflexe und
Schnellschachfähigkeiten, denn es wurde häufig das bekannte "Der
Verlierer steht auf" gespielt. Doch der junge Anand mochte es gar nicht,
warten und zuschauen zu müssen und musste sich daher etwas einfallen
lassen. Er wurde immer schneller und präziser in seinem Spiel und
gehörte alsbald zu dem Kreis der Erlauchten, die sich anschickten
Indiens erster Großmeister zu werden. 1987 dann gelang es ihm, als
jüngster aller Kandidaten mit nur 17 Jahren persönliche und indische
Geschichte zu schreiben - er wurde Jugendweltmeister und erhielt
den begehrten GM-Titel. Indien hatte sein Schachidol.
Als er nach dem Sieg
bei den Junioren mit dem Titel im Gepäck heimkehrte, stellte er fest,
dass er zur nationalen Berühmtheit avanciert war. Man deutete auf ihn
und fragte, ob er das junge Schachgenie sei. Besonders in Erinnerung ist
ihm aber eine Begegnung in einem Zug in Indien geblieben. Bei ihm saß
ein älterer Herr, der ihn fragte, was er denn mache. "Ich bin
Schachspieler!", antwortete Anand. Nicht sonderlich beeindruckt
entgegnete der Herr: "Ja, aber was tun Sie? Hat Ihr Vater ein Geschäft?"
"Nein, ich spiele Schach!", wiederholte der Juniorenweltmeister. Nach 10
Minuten schaute ihm der Mann direkt ins Gesicht und sagte: "Das ganze
Schach ist ja ganz nett, wenn man Viswanathan Anand ist, aber bei Ihnen
bin ich mir nicht sicher." Anand konnte sich nicht überwinden, dem Mann
zu sagen, wer er war, aber er verstand, dass er im Begriff stand, Großes
zu leisten.
Erkennen Sie den jungen Anand im Pressegetümmel?
Rasch sorgte er auch in der
internationalen Meisterriege für Furore und spätestens ab 1990 galt er
als baldiger Kandidat für den höchsten Titel, den sich ein Sportler
erarbeiten kann - den Weltmeistertitel.
1991 spielte Anand sein erstes
Linares-Turnier und lernte dort das spanische Paar Maurice und Nieves
Perea kennen. Sie waren auch der Grund, warum er nach Collado Mediano
(48km bis Madrid) zog. Das Paar reiste mit ihm über die Jahre zu vielen
Turnieren, und noch heute denkt Vishy bei einem Sieg an seinen größten
Fan Maurice. Nieves Perea lebt leider nicht mehr, weshalb Anand seinen
Sieg in Morelia / Linares auch ihr widmete. Maurice erinnert sich noch
heute, wie er Vishy 1991 zum ersten Mal traf: "Es war die Art, wie er
ging, verstehen Sie? Eine Hand in der Tasche und schnell sprechend. Er
spielte gegen Beliavsky und hatte kaum 10 Minuten auf der Uhr
verbraucht. Daher sagte ich ihm, er solle morgen gegen Karpov etwas
länger nachdenken. "Wie wäre es mit 11?", fragte er. Das war der Moment,
wo ich mir dachte: "Das ist mein Junge!" Selbstverständlich ist Vishy
heute die Nr. 1 der Welt! Und ich bin sehr glücklich, dass ich sehen
durfte, wie er vom Kandidaten zum Weltmeister und zur Nummer 1
wurde."
1995 dann schaute die Welt
gebannt nach New York, wo sich Weltmeister Garri Kasparov und sein
Herausforderer Anand Viswanathan um die Schachkrone stritten. Doch es
sollte noch nicht sein - Vishy verlor mit 7.5:10.5 gegen einen
Kasparov in Topform.
Kasparov und Anand bei einer
Schaupartie auf dem World Trade Center in New York 1995 vor ihrem
WM-Match
1996 heiratete er gemäß den
familiären Traditionen Aruna, die ihn fortan auf seinen Reisen rund um
den Globus begleitete und so nicht nur zu seiner Frau sondern auch zu
seiner Managerin wurde. Aruna wusste nichts über Schach: "Als ich Anand
das erste Mal traf, konnte ich nicht glauben, dass jemand so berühmt und
doch so einfach sein konnte. Als wir das Reisen begannen, hatte ich
keinen Schimmer von Schach. Aber heute, wenn ich ihm Stellungen
beschreibe, beginnt er zu lachen. Ich bin so glücklich für Anand. Er hat
immer versucht, nach den Regeln zu spielen, auch dann, wenn das Verzicht
bedeutete. Für ihn ist sein Gewissen das Wichtigste, und sein Erfolg
kommt nur von harter Arbeit."
Anand und Aruna beim Champions'
Dinner der Chess Classic Mainz
1997 erhielt er die nächste
Chance auf den WM-Titel gegen FIDE-Weltmeister Karpov, doch Letzterer
hatte gegenüber dem Inder einen beträchtlichen Vorteil, denn im
Gegensatz zu seinem Herausforderer musste er sich zuvor nicht durch ein
Kräfte zehrendes K.O.-Turnier kämpfen. Nach der regulären Spielzeit stand
es 3:3, und im anschließenden Schnellschachfinale fehlte Anand schlicht
die Power, um Karpov vom Thron zu schubsen. Daraufhin änderte die FIDE
(mal wieder) ihre Regeln, doch das nutzte Anand natürlich herzlich
wenig.
Wenig später kam es ihm Rahmen
der Chess Classic Frankfurt zur Begegnung zwischen den Anands und den
Schmitts, und es sollte eine prägende sein. Hans-Walter Schmitt und
seine Frau Cornelia schlossen die Anands in ihr Herz und wurden zu Fans
des indischen Schachgenies. Unbeschreiblich die Freude, als sich Vishy
Anand 2000 seinen größten Traum erfüllte und im Finale der
Schachweltmeisterschaft Alexei Shirov schlug. Mittlerweile haben die
Anands nicht nur einen weiteren Wohnsitz im schönen Bad Soden am Taunus,
Vishy Anand ist zudem der Serien-Champion der Chess Classic Mainz und
wird nun - auch für seinen Freund Hans-Walter zum baldigen 55.
Geburtstag - in diesem Jahr im Rahmen der CCM7 neben seiner Verteidigung
des Schnellschach-Titels sogar um die Chess960-Weltmeisterschaft
spielen. Längst ist er Ehrenmitglied bei den
Chess Tigers und durch Schmitts gute Kontakte zum Bundesligaverein OSC
Baden-Baden dort der Stolz an Brett 1. Just an diesem Wochenende erhofft
man sich von ihm dort, dass er das Seinige tut, den in der letzten
Saison errungenen Meistertitel erfolgreich zu verteidigen. Zudem leitet
die Nr. 1 der Welt beispielsweise am 22. Juli 2007 im
Schachzentrum Baden-Baden e. V. ein Seminar zum Thema "Weltklasse".
Dort werden übrigens auch Mark Dvoretzky und Chess Tiger Artur Jussupow
hochklassige Seminare geben. Anands Hauptaugenmerk liegt natürlich auf
der kommenden Weltmeisterschaft in Mexiko. Dass er ein ernsthafter
Anwärter auf die erneute Thronbesteigung ist, hat er jüngst mit seinem
Triumph in Morelia / Linares nebst dem Sprung an die Spitze der
Weltrangliste bewiesen.
Links die Schmitts und rechts die Anands (2003)
Viswanathan Anand ist aber nicht
nur Schachprofi und hat nicht nur Schachtitel gesammelt! Unter anderem
hat er die höchste Auszeichnung
erhalten, die Indien zu vergeben hat, den Padma Bhushan. Der Padma
Bhushan ist der dritthöchste indische Zivilorden nach dem Bharat Ratna
und dem Padma Vibhushan. Er wird seit 1954 jährlich am 26. Januar - dem
"Tag der Republik" - vom indischen Präsidenten an Personen vergeben, die
sich in hohem Maße auf wissenschaftlichem, politischem, kulturellem oder
anderen Gebieten um die Nation verdient gemacht haben. Anand
interessiert sich privat beispielsweise für Astronomie, geht nächtens
gerne mal vor die Tür und versucht, mit diversen Teleskopen und
Ferngläsern bestimmte Konstellationen, Sterne oder Planeten zu erkennen.
Anand liebt auch das Reisen. Zuletzt war er beispielsweise in Südafrika.
Auch am Gärtnern und Kochen hat er sich versucht, musste aber zu seinem
Bedauern feststellen, dass er sich und seiner Umwelt nicht wirklich
einen Gefallen damit tat. Immer bestens informiert ist Vishy auch über
den indischen Schachnachwuchs. Auf die Frage, wie lange er selbst noch
Schach spielen wolle, antwortet er: "So lange, wie ich die Spannung und
den Wettkampf genieße. Ich glaube, der Kopf und das Herz sagen einem, wann
es Zeit ist, aufzuhören."