TopTurniere Monaco 2007 R10 - Alle Würfel so gut wie gefallen
28.03.2007 - Eine Runde vor Schluss sollten alle wichtigen Entscheidungen beim 16. Amber Blindfold and Rapid Tournament gefallen sein. In der Gesamtwertung könnten Vishy Anand und Vassily Ivanchuk theoretisch zwar noch mit Vladimir Kramnik gleichziehen, aber wer glaubt schon daran, dass Francisco Vallejo den aktuellen Weltmeister morgen gleich zweifach besiegen wird? In der Schnellschachwertung ist Anand der Triumph nicht mehr zu nehmen, und im Blindschach stellt sich auch nur noch die Frage, ob Kramnik den halben Punkt macht, um Morozevichs 8.5/11 vom letzten Jahr zu toppen. Spieler des Tages ist zweifelsohne Teimour Radjabov, denn dieser schlug gegen Levon Aronian gleich doppelt zu. Die morgige letzte Runde beginnt übrigens schon um 12:30 Uhr und wird natürlich wieder auf der offiziellen Seite und bei ChessBase live übertragen.
Die geringste Lust, in der ersten
Blindschachsession eine spannende Partie zu liefern, verspürten Vassily
Ivanchuk und Boris Gelfand. Nach nur 22 Zügen hatten beide genug und
vereinbarten, den Punkt einfach zu teilen. Nur einen Zug länger quälten
sich Vishy Anand und Peter Leko. Ersterer wollte sicherlich die Kräfte
fürs Schnellschach schonen und der Ungar ist ja bekanntlich recht häufig
friedlich gestimmt. Aus dem Rahmen fielen dagegen Teimour Radjabov und
Levon Aronian. Sie lieferten sich ein packendes Duell. Schließlich landete
man mal wieder in einem dieser gefürchteten Turmendspiele, bei denen sich
wie immer die Geister schieden. Radjabov hatte einen Bauer mehr, aber -
wie selbst gestandene Meister immer wieder zugeben müssen - Turmendspiele
sind eine Kunst für sich. Kaum glaubt man bei der Analyse, endlich den
Gewinn gefunden zu haben, schon fällt jemandem wieder ein kritischer Zug
ein. Wie schwer muss es dann erst im Blindschach sein?! Interessant war,
dass Aronian bis circa zum 40. Zug die Partie quasi im Blitzmodus
runterspulte, während sein Gegner schwer grübelte. Doch heute durften
besonders die Kritiker der These "Alle Turmendspiele sind remis." jubeln,
denn Radjabov gelang es glanzvoll, seinen Mehrbauer nach insgesamt 69
Zügen zu verwerten! Im zweiten Blindschachabschnitt folgte zwischen
Vladimir Kramnik und Peter Svidler gleich das nächste Turmendspiel, doch
in diesem gab es mal nichts an der Ausgeglichenheit zu deuteln.
Radjabov - Aronian
nach 39.Kxb3
Morozevich - Carlsen nach 15...Kxd6
Wenn Alexander Morozevich einen Angstgegner hat, dann ist es
Magnus Carlsen. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, brät der Norweger Moro
einen über, aber in der heutigen Blindpartie drehte der Russe den Spieß mal um.
Er überraschte seinen Gegner mit einer Neuerung im Dameninder, und dieser
reagierte prompt falsch. Als dann Carlsen seinen König schon in der
Eröffnungsphase nach d6 ziehen musste, gaben auch die größten Optimisten keinen
Cent mehr auf etwaige schwarze Remischancen. Nicht zu Unrecht, denn Morozevich
nutzte, dass Carlsen fortan zu sehr damit bemüht war, seinen König nach a8 zu
führen und kassierte derweil den ersten Bauer ab. Der Rest war nur noch
Formsache. Und noch einer hatte das für ihn seltene Vergnügen, einen vollen
Punkt in der Blindschachwertung einzufahren. Loek van Wely profitierte davon,
dass Francisco Vallejo die etwa ausgeglichene Stellung im 19. Zug überschätzte
und dem Niederländer mit Schwung in die Klinge lief. Van Wely brauchte nur noch
einzusammeln, was der Spanier ihm stehen ließ und siegte auf keinen Fall
unverdient nach 38 Zügen.
Aronian - Radjabov nach 6.c2-c4??
Beim Schnellschach versuchte Vishy Anand sein Möglichstes,
gegen den mit Weiß spielenden Leko, etwas Greifbares herauszukitzeln, doch der
Ungar ließ nichts zu und das Remis nach 32 Zügen war die logische Folge. Bereits
im 6. Zug patzte Levon Aronian gegen Teimour Radjabov so entscheidend, dass er
eigentlich sofort hätte aufgeben können. Doch der Armenier bewies mal wieder
seinen Humor und
gestattete seinem Gegner, diese überragende Stellung bis zum 25. Zug auszukosten.
Eine zünftige Rauferei boten Boris Gelfand und Vassily Ivanchuk. Eine
Neuerung im gerade modernen Königsinder krönte Ivanchuk mit einem Damenopfer,
welches objektiv wohl verlieren sollte, aber die Verwertung war für Gelfand
alles andere als trivial. Ganz im Gegenteil, der Israeli geriet im weiteren
Verlauf und zunehmender Zeitknappheit in Bedrängnis und konnte froh sein, dass
Ivanchuk am Ende mit einer Remisführung zufrieden war. Ein hochgradig spannendes
Remis nach 42 Zügen. Wie nicht wirklich anders zu erwarten, haben sich Peter
Svidler und Vladimir Kramnik in ihrem Minimatch letztlich eher geschont. Svidler
zählt zu den Edel-Sekundanten des Weltmeisters, weshalb in den Partien zwischen
ihnen kaum mal wirkliche Spannung aufkommt. In der Schnellpartie spielten sie
eine lange Theorievariante im Marshall, wickelten dann ins Remisendspiel ab und
teilten den Punkt brüderlich. Weniger freundlich gingen Magnus Carlsen und
Alexander Morozevich mit einander um. Es war deutlich zu spüren, dass der
Norweger die Niederlage aus der Blindpartie egalisieren wollte und es gelang
ihm. Identisch war die Situation zwischen Francisco Vallejo und Loek van Wely,
und auch hier gewann der Verlierer der Blindschachrunde. Der Niederländer griff überraschend zum sizilianischen Drachen, aber das wird er vermutlich so bald nicht wieder tun.