TopTurniere Morelia / Linares 2007 - Vishy Anand triumphiert Magnus Carlsen und Alexander Morozevich folgen punktgleich
10.03.2007 - Viswanathan Anand heißt der klare Sieger in Morelia / Linares 2007. Dem Inder reichte im Finale ein Remis gegen Vassily Ivanchuk zum Gesamtsieg. Einzig Magnus Carlsen hätte mit einem Sieg gegen Peter Leko noch gleichziehen können, aber der zuvor arg gebeutelte Ungar zeigte zum ersten Mal eine starke Leistung und schlug den Norweger. Auf den geteilten zweiten Rang hievte sich Alexander Morozevich, der Peter Svidler mit einem komplizierten Franzosen konfrontierte und den Russen so überspielte. Die Partie Veselin Topalov gegen Levon Aronian endete gehaltlos mit einem Remis.
Vishy
Anand hat es mal wieder geschafft. Mit einem vollen Zähler Vorsprung ist
er der letztlich souveräne Sieger des Top Turniers Morelia / Linares
2007. Besonders stolz kann der Inder auf
seine Chancenverwertung sein. Sobald ihm einer seiner Kollegen
eine Schwäche offenbarte, packte der Tiger zu und ließ auch nicht mehr
los. Mit seinem Abschneiden in Wijk aan Zee war er selbstverständlich
alles andere als zufrieden, und das lag auch daran, dass ihm dort noch
die eine oder andere aussichtsreiche Stellung entglitten war. Sein
Triumph in Morelia / Linares kommt dagegen wie aus einem Guss daher. Er
spielte nicht nur das beste sondern mit Carlsen und Morozevich auch das
interessanteste Schach. Neben diesem grandiosen Erfolg darf sich der
Inder auch noch auf einen weiteren Höhepunkt freuen. Bei der nächsten ELO-Auswertung müssten schon sämtliche mathematischen Gesetze außer
Kraft geraten, um zu verhindern, dass Viswanathan Anand die neue Nr. 1
der Weltrangliste wird.
Von
ganzem Herzen gratulieren die Chess Tigers Vishy Anand zum Turniersieg und zur Führung in der Weltrangliste!
Magnus
Carlsen hat nicht nur aus seiner eigenen Sicht und der seines Vaters das
Turnier seines Lebens gespielt. Nachdem er mit dem geteilten letzten
Platz beim Corus 2007 noch Lehrgeld zahlen musste, hat er sich dieses
besonders in Morelia mit Zinsen zurückgeholt und wird womöglich sogar
die magische 2700 knacken. Den Grundstein für seinen
Erfolg legte er bereits in der ersten Runde, als der Rest der Weltklasse
sich noch den Schlaf aus den Augen rieb und der Norweger seinen
Lieblingsgegner Alexander Morozevich über die Klinge springen ließ.
Nur gegen seinen
Mannschaftskollegen beim OSC Baden-Baden Vishy Anand verlor er beide Partien,
doch dafür ließ er jeweils Vassily Ivanchuk direkt danach büßen. Während Pessimisten in jeder Runde auf einen
Einbruch warteten, hat die Rolle des Gejagten dem Youngster offenbar
bestens behagt. Wenn er die Form bis Ende Mai zur WM-Qualifikation in
Elista halten kann, ist eine Teilnahme bei der WM in Mexiko und
vielleicht sogar noch etwas mehr möglich... 2007 könnte DAS Jahr für
Magnus Carlsen sein.
Alexander
Morozevich ist in jedem Turnier eine Bereicherung der Extraklasse.
Unglaublich, wie hoch er gegen die besten Spieler der Welt das Risiko
schraubt. In Morelia ging das zwar gründlich in die Hose, aber wer ein
richtiger Moro-Fan ist, der verliert nie den Glauben an den Russen.
Phantastische 5.5 aus 7 holte Morozevich in Linares und schiebt sich
damit auf den geteilten zweiten Rang in der Gesamtwertung vor. Was am Anfang wie das perfekte
Desaster aussah, bringt Moro letztlich noch 6 ELO-Pünktchen und mal
wieder die Gewissheit, dass offensives Schach auf höchstem Niveau
möglich ist. So manch ein Kollege müsste sich nur mal trauen, wie
Morozevich die Angst vor der Niederlage beiseite zu schieben und auch
mal einer zweischneidigen Variante eine Chance geben.
Levon
Aronian hat ein solides Turnier aber auch nicht wirklich mehr gespielt und kann sich
zumindest damit brüsten, der
Einzige zu sein, der Vishy Anand bezwingen konnte. Im Vergleich zu
seinem Triumph in Wijk aan Zee zu Jahresbeginn wirkte der Chess960-Weltmeister allgemein
harmloser und ließ nur ab und an aufblitzen, warum er zur absoluten
Weltspitze zählt. 50% in einem Turnier der Kategorie 20 sind natürlich
aller Ehren wert, aber ein oder zwei kurze Remisen weniger, und es wäre
insgesamt mehr drin gewesen. Im August wird der Armenier mit Wohnsitz in
Berlin wieder eine Attraktion bei den Chess Classic Mainz sein und dann
sicherlich mit großem Elan seinen Chess960-Titel verteidigen. Wir freuen
uns schon jetzt darauf!
Peter
Svidler ist in der Weltklasse ein alter Hase und genauso spielte er
bis zur 13. Runde. Routiniert knabberte er mit jedem seiner insgesamt 12
Remisen ELO-Punkt um ELO-Punkt ab und wartete nur auf eine Chance, die
ihm dann Peter Leko in Runde 12 anbot. Der St. Petersburger schnappte zu
und hatte plötzlich sogar noch Möglichkeiten, ganz nach oben zu kommen.
Der letztlich geteilte vierte Rang bedeutet ein leichtes ELO-Plus für
Svidler, doch unter dem Strich muss man festhalten, dass uns sein Schach
mitnichten vom Hocker gerissen hat. Wie schon zuletzt beim Corus 2007
riskierte er kaum etwas und verzichtete ein ums andere Mal darauf,
aussichtsreiche Stellungen auszuspielen.
Vassily
Ivanchuk war zu Beginn in der Lage, die Abreise von Teimour Radjabov
wett zu machen, aber besonders die beiden Niederlagen in den Runden 11 +
12 ließen ihn letztlich auf den 6. Rang abrutschen. Im Endspurt
konnte er das nicht mehr ausbügeln, aber dennoch, das Spiel des urigen
Ukrainers wirkte phasenweise sehr ansprechend und viele seiner Partien
bieten eine Menge an Analysestoff. 6 ELO-Punkte schickte Chucky über den
Jordan, aber das wird ihn weniger stören. Wichtiger für Ivanchuk ist das
Wissen, dass er nach wie vor für jeden Spieler der Welt eine
Herausforderung ist. Gerne möchte man ihn in mehr Top Turnieren sehen.
Veselin
Topalov ist momentan der Spieler in der Weltelite, an dem sich die
meisten Geister scheiden. Lässt man sämtliche Querelen rund um die
Betrugsvorwürfe außer Acht und beleuchtet ausschließlich sein Spiel in
Morelia und Linares, dann bleibt nur, dieses als unterirdisch und
keinesfalls weltmeisterlich zu betrachten. Beim Corus 2007 schien ihm
Caissa noch hilfreiche Signale zu senden, doch in diesem Turnier bekam
er wohl keine Verbindung zu ihr. Negative Höhepunkte waren die Aufgabe
gegen Carlsen in Remisstellung und die blamable Endspielniederlage der
13. Runde gegen Morozevich. Der geteilte letzte Platz und ein Minus von
satten 18 ELO-Punkten werden dem Bulgaren mit Sicherheit weh tun.
Peter Leko
hat auf ganzer Linie enttäuscht Darüber kann auch sein feiner Sieg in
der Schlussrunde gegen Magnus Carlsen nicht hinwegtäuschen. Uninspiriert
und stets nur das Remis im Auge war der Ungar schlicht zu harmlos und
langweilig. Bis zur 7. Runde kam er damit durch, aber dann holte ihn
Vishy Anand auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Inder verlangte das
von Leko, was dieser scheinbar mit allen Mitteln zu vermeiden suchte,
nämlich aktiv zu spielen. Die Folge war eine schmerzhafte Niederlage.
Irgendwann musste dieses destruktive Spiel ja mal geahndet werden. In
diesem Turnier hat Leko so viele Partien verloren, wie sonst in einem
ganzen Jahr nicht. Wünschen wir uns, dass er endlich einsieht, dass
dieses Abklammern nicht der Weg auf den Olymp sein kann und darf.