TopTurniere Morelia / Linares 2007 - Nur ein Remis! Anand und Carlsen zur Halbzeit vorne
26.02.2007 - Beinahe könnte man meinen, dass der Aufschrei der Entrüstung der Schachwelt nach der Arbeitsverweigerung von 3/4 der anwesenden Weltspitze in der sechsten Runde bis nach Mexiko zu hören gewesen sein muss. Mit zu 100% ausgekämpften Partien gaben sich die Meister redlich Mühe, es in der letzten Runde in Morelia mal richtig rocken zu lassen. Vishy Anand besiegte Peter Leko mit den schwarzen Steinen und ist nun wieder gemeinsam mit Magnus Carlsen an der Spitze, denn dieser sorgte gegen Peter Svidler für das einzige Remis der Runde. Sowohl Vassily Ivanchuk gegen Levon Aronian als auch Veselin Topalov gegen Alexander Morozevich konnten jeweils einen Weißsieg für sich verbuchen. Am kommenden Freitag startet in Linares die Rückrunde mit vertauschten Farben.
Die Schelte nach Runde 6 muss
Spuren hinterlassen haben. Genug Zeit, sich im
Internet davon überzeugen zu können, dass man von ihnen mehr erwartet,
als belangloses Hölzchengeschiebe, hatten ja alle. So brachte
beispielsweise der gefürchtete Mig Greengard auf
http://www.chessninja.com/dailydirt/ mit einem trockenen "Well THAT
sucked." auf den Punkt, was sich viele selbst schon gedacht hatten. Und auch die Kommentare, die jeder zu
Migs
Berichten abgeben kann sind in der Masse kritisch und nehmen besonders
Peter Leko ins Visier. Der Ungar wird sich etwas einfallen lassen
müssen, um wieder mit dem Gewinnen von Partien glänzen zu können. Die
siebte Runde in Morelia jedenfalls sollte ihm endgültig eine Lehre sein,
denn er kam gegen Vishy Anand böse unter die Räder. Das war aber auch
gemein von dem Inder, mit den schwarzen Steinen einen so scharfen
Katalanen zu spielen, dass der Ungar dazu verdammt war, aktiv zu
agieren! Möglich, dass Weiß zwischendurch sogar Vorteil hatte, aber Leko
scheint momentan nicht in der Lage zu sein, auch nur in die Nähe eines
vollen Punktes kommen. Den Übergang ins Endspiel krönte Vishy mit einem
feinen Qualitätsopfer, bildete verbundene Freibauern und nötigte seinen
Gegner schon kurz darauf zur Aufgabe. Anand spielte in Morelia mit
Carlsen, Ivanchuk und Aronian nicht nur das erfolgreichste sondern auch
das interessanteste Schach. Keiner riskiert momentan mehr - in 4 der 7
Partien des Inders floss Blut und zwei der drei bisherigen Schwarzsiege gehen auf
sein Konto.
Im Mittelpunkt der Kritik - Peter Leko
Einen Teimour Radjabov ersetzen zu müssen, ist eine harte Nuss, doch bei
allem Respekt für die Nummer 11 der Weltrangliste, die Nummer 5 hat
scharfe Zähne und die bildliche Schalenfrucht zumindest in der ersten
Turnierhälfte souverän geknackt. In Runde 7 nahm Vassily Ivanchuk dem
Armenier Levon Aronian im Endspiel einen Bauer nach dem anderen und
schließlich auch den Punkt. Damit reist der sympathische Ukrainer als
Dritter nach Linares und darf sich berechtigte Hoffnungen machen, das zu
schaffen, was eigentlich Radjabov eingeplant hatte, nämlich das Turnier
zu gewinnen. Doch auf noch jemanden sollte man stets ein Auge haben:
Veselin Topalov! Erinnern wir uns an das gleiche Event vor einem Jahr!
Damals legte der Bulgare in Linares einen Schlussspurt der Kategorie
"Überirdisch" hin, der ihm beinahe noch den Gesamtsieg eingebracht hätte
und nicht zuletzt den Autor dieser Zeilen zu Begeisterungsstürmen
hinriss. Ja, das war vor Elista... Die Häme in Richtung Topalov hält
sich in diesen Tagen in Grenzen, obwohl er am Ende der Tabelle schon ein
nettes Ziel abgeben würde. Aber Nachtreten ist nicht nur im Fußball ein
böses Foul und sollte nicht Usus werden, nur weil Silvio Danailov darauf
das Patent erworben zu haben scheint. Allerdings lässt sich auch
feststellen, dass man kaum bis gar nichts darüber liest, wie
überraschend es ist, dass die Nr. 1 der Welt so schlecht punktet. Man
erinnere sich nur mal daran, wie es war, wenn Kasparov mal nur Zweiter
wurde! Wie auch immer, in Runde 7 jedenfalls hatte es Topalov mit
Alexander Morozevich zu tun und er machte seinen Job ganz gut.
Angesichts der Tatsachen, dass Moro einfach mies drauf ist, und Topalov
mehrfach den sofortigen Gewinn ausließ und den Russen
erst im dritten oder vierten Nachfassen erwischte, kann man kaum von
einer Glanzleistung sprechen. Aber spannend war es immerhin!
Remiskönig wider Willen? - Peter Svidler
Der einzige, der neben Peter Leko von dem Kampfschachvirus nach wie vor nicht befallen scheint, ist Namensvetter Peter Svidler. Peter ist übrigens griechischen Ursprungs (Petros) und bedeutet Fels im Sinne von Felsblock... 7 Remise aus 7 Partien, das ist dem
mehrfachen Chess960-Weltmeister bestimmt selbst unangenehm! Unter dem
Strich steht so zwar ein leichtes ELO-Plus, aber es ist kaum anzunehmen,
dass er so auch durch die zweite Hälfte des Turniers kommt. Magnus
Carlsen ist nach dem durchaus ausgekämpften Remis der siebten Runde kein
Vorwurf zu machen. Er brauchte den halben Punkt, um sich ein
historisches Ergebnis zu sichern. Geteilter Erster nach der Hälfte in
einem Top Turnier - nicht schlecht für die Vita eines 16-jährigen!
Nach einer turbulenten Runde haben sich die Spieler redlich eine längere Pause
verdient! ;-) Na ja, jedenfalls hat man nun ausreichend Zeit, sich auf
den Weg nach Spanien zu machen, um dann am kommenden Freitag mit der
achten Runde die zweite Turnierhälfte einzuläuten. Guten Flug!