TopTurniere Morelia / Linares 2007 - Alle Partien remis Weltklasse nimmt sich einen weiteren Ruhetag
25.02.2007 - Bis auf Vishy Anand und Vassily Ivanchuk verweigerten in der sechsten Runde in Morelia alle Protagonisten das, wofür sie da sind und bezahlt werden - das Schach spielen. Im Schnitt dauerten sämtliche Begegnungen magere 22,5 Züge und endeten allesamt unentschieden. Somit gibt es keine Veränderungen im Klassement, was besonders Magnus Carlsen freuen wird, der weiterhin führt. Doch eine Remisquote von 100% und über 70% im bisherigen Turnierverlauf ist schon jenseits des guten Geschmacks!
Anand - Ivanchuk,
Remis nach 32 Zügen (Schwarz am Zug)
Was in jeder anderen Sportart mit Pfiffen, Buhrufen und garantiert auch
unflätigen Beschimpfungen honoriert werden würde, wird im Schach immer
wieder toleriert und sogar entschuldigt. Anders wie beim Fußball,
Tennis, Boxen und Co scheinen einige Stars der Schachszene zu glauben,
dass alleine ihre physische Präsenz schon ausreicht, um die Massen zu
faszinieren. Kein Zweifel, dass jeder Sportler das Recht hat, auch mal
schlecht drauf zu sein, doch was sich einige leisten, grenzt an Betrug
gegenüber den Fans, Organisatoren und Sponsoren. Der gemeine Fußball-Fan
an sich ist auch nicht in der Lage, einen Ball auch nur annährend so zu
behandeln wie Ronaldinho, Beckham und Co, und doch steht es ihm zu, sich
zu beschweren, wenn sich diese Stars in einem Spiel nach 60 Minuten und
3 Ballkontakten auswechseln lassen und ihr Trikot nichtmal einen
Grasfleck aufweist.
Aronian - Topalov,
Remis nach 22 Zügen (Schwarz am Zug)
Doch die Elite im Schachsport gefällt sich in der
Rolle, müde über die breite Amateurgemeinschaft zu lächeln, die doch
ohnehin nicht versteht, was die Herren auf der Bühne treiben. Schlimmer
noch, das Produzieren von kampflosen Remisen - auch Kurzremise genannt -
hält seinen Einzug auch in die unteren Spielklassen. Ob zwei Spieler mit
ELO 2750 oder mit 1750, das ist doch egal! Warum spielen wir dann
überhaupt noch Schach? Man könnte zu einem Mannschaftskampf doch vorher
im Internet die Aufstellungen veröffentlichen, jeder Spieler klickt an,
ob er gegen seinen jeweiligen Gegner nur ein Remis will, und dann können
sich bestimmt sehr viele Schachfreunde die beschwerliche Anreise zum
Spielort ersparen, sind mehr für ihre Kinder und Partner da und haben
gleichzeitig noch einen halben Punkt in einer der schwierigsten
Sportarten der Welt gemacht. Bei Kaffee und Kuchen anstatt Grübeln und
Kombinieren lässt sich der Respekt der Schwiegereltern darüber, dass man
tatsächlich dieses komplizierte Spiel beherrscht, ja auch viel besser
genießen!
Carlsen - Leko,
Remis nach 20 Zügen (Weiß am Zug)
Ja, ein Schachspieler mit Weltklasseformat muss, wie es besonders Fischer, Karpov
und Kasparov vorgelebt haben, eine gehörige Portion Egoismus mitbringen,
um sich durchzubeißen. Ein Turniersieg bei einem der Top Turniere ist
zwar heiß begehrt, aber weitaus schwerer wiegt die Sorge, sich durch
Fehler zu blamieren und keine Einladungen zu den lukrativsten Events zu
erhalten. Da interessiert einen am Brett nur eins: Nicht verlieren! Der
Weltmeister in dieser Disziplin ist Peter Leko. Nicht nur in diesem
Turnier spielt er das langweiligste Schach
aller Teilnehmer. Nicht umsonst ist die geflügelte Bezeichnung bei
Amateuren für ein Kurzremis "einen Leko produzieren". Sechs
Unentschieden nach sechs Runden sprechen zudem für sich selbst.
Morozevich -
Svidler, Remis nach 16 Zügen (Schwarz am Zug)
Wäre ein Spieler nach einem Kurzremis wenigstens zerknirscht und würde
zugeben, dass er sich einfach nicht in der Lage gefühlt habe, zu
kämpfen, dann könnte man ihm bildlich einen Klaps geben und sagen:
"Streng Dich beim nächsten Mal mehr an!" Doch in Wahrheit fehlt es ihnen
völlig am Verständnis und Interesse für den zahlenden Kiebitz und
Sponsor. Ersterer tut ja sowieso nichts anderes, als seinen Fritz zu
starten und zu lästern, und der Geldgeber ist genau für das da, was der
Name schon sagt und sollte ansonsten auf gemeinsamen Fotos nur nett
lächeln und den Umschlag überreichen. Dass es anders geht und gehen
muss, wissen wir doch nun zur Genüge. Dies ist garantiert nicht das
letzte Mal, dass man sich bei einem Top Turnier mit Schaudern abwenden
möchte, aber die Hoffnung stirbt dem Volksmund nach ja bekanntlich
zuletzt.
In diesem Sinne schauen wir gespannt der siebten und letzten Runde in
Morelia entgegen, bevor es ins spanische Linares geht. Hoffen wir, dass
die andalusische Luft in den Stars mehr Lust auf Schach weckt.